AGF … Modernes Eremitentum
Eine Insel im Bottnischen Meerbusen ist seit geraumer Zeit das Zuhause der
Berlinerin Antye Greie. Gemeinsam mit ihrem Mann Sasu Ripatti alias Vladislav Delay und ihrer Tochter genießt die Klangkünstlerin und selbsternannte Poemproducerin die Ruhe und Stille ihrer von Natur geprägten Umgebung. Mit ihrem jüngsten Werk „Einzelkämpfer“ möchte sie einerseits Respekt für Menschen mit Selbstfindungsdrang und Hang zur Zurückgezogenheit kundtun, andererseits zeigt sie damit, dass sie in der Abgeschiedenheit des finnischen Nordens angekommen ist. Dass Antye trotzdem ihre Portion Zivilisation bekommt, dafür sorgen ihre zahlreichen aktuellen Kollaborationen, wie erst jüngst mit Gudrun Gut. Doch trotz ihrer selbst gewählten Isolation kämpft Antye Tag für Tag! Wofür? Für einen verdammt ruhigen Alltag und gegen finnische Monster!
„Einzelkämpfer“ wirkt im Vergleich zu deinem letzten Album „Dancefloordrachen“ gedanklich schwerer. Eine subtile Botschaft zieht sich durch das ganze Album. Die Botschaft lässt sich für mich vielleicht mit Abgeschiedenheit, Einkehr, Stille, Nachdenklichkeit, Melancholie umschreiben. Was wäre deine Beschreibung?
Ja. Alles ok, was du da schreibst. Musik kann sehr gesellig sein und Menschen verbinden, und das ist etwas sehr Schönes, Lebensbejahendes. Trotzdem denke ich, ist meine Musik eher für den Einzelnen in freiwilliger Zurückgezogenheit der mit sich selbst sein will, im Gegensatz zu denen die das Gleiche suchen. Ich möchte niemanden verurteilen, aber die Welt ist so angepasst, viele Menschen geben alles darum, angepasst zu sein, es ist so traurig und schade, weil wir als Menschen potenziell so begabt sind. Ich möchte meine Gedankenwelt teilen, wie jeder Künstler. Der Einzelkämpfer ist musikalisch minimal und eher zurückhaltend, ich wollte ein ruhiges Album machen, besinnlich und ohne den Ehrgeiz einen neuen Sound zu kreieren.
Mit dem Lied "Woods" drückst du deine Liebe zur Natur aus. Was hat dich am Leben in einer Großstadt wie Berlin so angewidert?
Naaa, nicht angewidert. Ich habe fast 20 Jahre in Berlin gelebt, Berlin ist ok. Es leben eine Menge Individuelle dort, die ich sehr bewundere und liebe. Es ist die einzige Stadt in Deutschland, in der ich mir vorstellen kann zu leben. Ich finde Berlin gut und ich kenne da alles und jeden (so kommt es mir vor) und ein großer Teil meiner Identität ist aus meinem Leben in Berlin gewachsen. Ich habe viele liebe Freunde dort, die mich gut kennen und ich habe dort alle Musik geschrieben, bis zum letzten Jahr. „Kopflastig“ z.B., die erste Laub-Platte, mit der alles begann, wäre ohne Ostkreuz undenkbar gewesen.
Ich bin nach Finnland gezogen, weil mein Freund Finne ist und zurück wollte und unser gemeinsames Kind hier unter schöneren Bedingungen aufwachsen kann. Außerdem möchte ich diese Stille, die Weite, die Nähe zur Natur in der finnischen Abgeschiedenheit einfach nicht mehr missen. Ich hatte dieses Freiheits-Gefühl als Kind, unbekümmert durch einen Wald zu rennen und einfach nur zu sein.
Die Welt ist so voll, so viele Menschen, wie alle aufeinander sitzen, merkt man erst, wenn man da mal raus ist. Da kannst du sicher jeden Skandinavier fragen, der wird das ähnlich empfinden. Ich habe vermisst, mich hinzuhocken und den Weg der Ameisen zu verfolgen und nicht nur Werbung, Plakate, schreiende Botschaften zu sehen. Alle sind aufgemotzt, hochgeputzt, gestylt und voll sexy. Sick of it! Aber natürlich entbehrt das eine das andere, so gibt es z.B. wenig Galerien hier. Aber ich muss immer wieder sagen, der Rückzug in die Abgeschiedenheit ist nur möglich für mich, weil es das Internet gibt, ohne das könnte ich nicht arbeiten oder leben. Im Moment kommuniziere ich mit einem iranischen Künstler, der meine Musik gehört hat und wir sind ins Gespräch gekommen. Ich könnte überall in der Welt sitzen und diese Erfahrung machen. So sitze ich hier und schaue in den verschneiten, stillen Wald. Auch reise ich nach wie vor sehr viel, ich bekomme meine Portion Zivilisation. Hier auf der Insel, auf der ich lebe, gibt es fast kein einziges Werbeplakat. Die Menschen sind zurückhaltend, aber freundlich und es gibt viel Platz.
Ich glaube, ich wollte wirklich näher an der Natur sein, auch für mein Kind. Ich will die Tür aufmachen können und es rausrennen lassen. Das ist in Berlin undenkbar.
Einzelkämpfer sind Menschen, die vom Rest der Gesellschaft keine Unterstützung bei ihrem Vorhaben erhalten. Oder auch Menschen, deren Lebensentwurf von der Gesellschaft nicht ausreichend honoriert wird. In diesem Sinne also asoziale Menschen. Wieso ermutigst du diesen Lebensentwurf, z.B. in deinem Albumtitel und mit dem gleichnamigen Stück?
Ich bewundere Einzelkämpfer. Menschen die ihr Ding machen, die eine starke Integrität besitzen und ihrem Ziel, ihren Gedanken, ihrem Herz folgen und Sachen leise und richtig machen. Ich finde den Wunsch der Menschen sich mit Gleichgesinnten zu vereinen verständlich, ich persönlich teile diese Sehnsucht nicht. Ich habe keine Freude an Massenveranstaltungen und auch meistens nicht am Massengeschmack, es gibt natürlich Ausnahmen. Ich liebe Popmusik, Hip Hop, Filme, auch finde ich praktische Klamotten bei H&M und zum Beispiel würde ich mir schon gern mal ein Konzert von Jay-Z oder Rihanna live ansehen. Aber trotz allem genieße ich Kunst und das Leben lieber allein, zu zweit oder in kleinen Gruppen. Politisch ist das ähnlich, jede große politische Bewegung oder eine Partei entbehrt einer gewissen Sinnhaftigkeit.
Ich habe eine Menge Respekt vor dem Schreiber der allein zu Hause sitzt und sich durch Unmengen von Material beißt und einen Text über Tintenfische schreibt, der eine Menge Wahrheit beinhaltet und den vielleicht nur 30 Leute jemals lesen. Oder ich schätze den Musiker, der seinen eigenen Sound findet und damit 30 Leute bewegt, anstelle dem, der versucht zu klingen wie der fünfzigste Techno- oder Indierock-Produzent und dann Hallen füllt. Ich schlage vor nach Einzelkämpfern Ausschau zu halten. Ich kenne persönlich einige, sie sind eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration.
Die Abgeschiedenheit deiner Umgebung und deine innere Einstellung zu ihr fördern vielleicht ein gewisses "modernes Eremitentum". Auf "Einzelkämpfer" geht es viel um das Erlebnis alleine, nicht um das gemeinsame Erfahren und Teilen von Empfindungen. Ist dieses Album eine Art "Abarbeitung einer Thematik" oder emotionaler Ausdruck eines Gefühls, was dir am Herzen lag?
Ich finde modernes Eremitentum zur Zeit sehr vielversprechend. Die Welt ist so laut und geil und so aufmerksam suchend: jeder will ein Star sein, es ist albern. Es ist für mich erstrebenswert, mich da rauszuziehen und bin dabei kein Nerd. Ich mag auch Hollywoodfilme. Aber nehmen wir z.B. Yoko Ono. Sie ist eine Einzelkämpferin der alten Schule. Respekt. Gut, dass sie am (relativen) Ende ihres Lebens noch gewürdigt wurde und wird. Mit der neuen Technik, Internet, Wireless Lan und Solar-Einheiten, wird es auch erfüllbar für jeden Anderen eine kleine Hütte weit draußen zu suchen und dort sehr modern zu leben. Und etwas zu finden. Ich finde das ganz spannend.
Abgesehen von der Landschaft und der Abgeschiedenheit in den Wäldern, gibt es Identifikationen mit der finnischen Mentalität?
Ja gibt es und gibt es nicht. Die Finnen sind sehr nett, aber ich denke innen drin sind sie Monster, haha. Ich mag die Ehrlichkeit, die mir begegnet und diese praktische Logik, die in ihr liegt. Ich erinnere mich manchmal an die DDR meiner Kindheit, weil die Umgebung noch etwas weniger von westlicher Glattheit und Angepasstheit bestimmt war. Ich mag die Finnen. Manchmal macht mich ihre Schüchternheit und Empfindsamkeit wahnsinnig und ich sehe sie nicht. Da muss ich vorsichtig sein, wir Deutschen sind solche Trampel.
Wie schwer ist es, von Musik in Finnland zu leben?
Oh Finnland ist ein teures Land und es ist schwer als Musiker zu überleben! Ich lebe aber nicht von dem finnischen Markt, die ganze Welt ist mein Markt. Ich denke, ich habe keinen Vertrieb in Finnland und auch keinen Namen. Das ist ok so. Ich habe die zweite Auftragsarbeit erhalten, eine Soundinstallation und die erste Arbeit war ein Score für eine neue Zirkusaufführung.
Wie hältst du die Balance zwischen Künstlerin und Labelmanager in einer Person? Die ideale Aufteilung von 50 zu 50 existiert ja nur auf dem Papier. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man vormittags im Studio sitzt und nachmittags im Büro. Wie funktioniert das bei dir?
Ich bin Künstler und war nie was anderes. Wenn ich mich oder andere promote oder Vertriebsarbeit leiste, bin ich trotzdem Künstler, eben selbstverwaltend und independent. Ein Künstler mit Gehirn. Hoffe ich. Ich habe seit einigen Jahren niemanden mehr, der für mich arbeitet, aber ich suche einen Assistenten zur Zeit. Mein Label liegt praktisch brach. Seit Musik so inflationär geworden ist, macht es keinen Sinn viel Zeit in den Vertrieb zu stecken. Sind Sachen interessant, vertreiben sie sich von selbst und man bekommt keine müde Mark. Ich arbeite kaum fürs Label, um ehrlich zu sein. Es widert mich ein wenig an, denn es ist so freudlos und frustrierend. Aber ich bewundere diejenigen die nach neuen Wegen suchen, Musik und Kunst zu fördern, zu entdecken und aus der Masse das Besondere heraushören! Dazu fehlt mir die Kapazität zur Zeit. Ich will Kunst machen und Menschen bewegen. Ich hatte gehofft, mein Label kann Plattform für andere Künstler sein, aber ich habe die Kraft nicht, vor allem weil ich auch ein Kind habe, kann ich nicht mehr 16 Stunden am Tag arbeiten wie früher. Ich würde auch gern mehr produzieren, wie ich das mit Quio angefangen habe, aber seit es Musik quasi "umsonst" gibt, wird es zur Selbstausbeutung. Vielleicht sollte man mehr „funding“-Systeme für Musik und Klangkunst gründen. Musik kann nicht ökonomisch sein. Aber egal, ich mach mein Ding. Ganz normal.
In einer Kritik zu "Einzelkämpfer" attestiert man dir "das Besondere im Alltäglichen" zu erforschen. Dem stimme ich aber nicht zu, denn ist es nicht gerade das Alltägliche, dem du zu entfliehen versuchst?
Nein, ganz und gar nicht. Ich sehne mich nach einem normalen leben, ehrlich! Ich kämpfe um einen Alltag! Ich will eine gute Mutter sein und umwerfende Kunst produzieren, die Menschen bewegt und idealerweise davon leben dürfen! Ich will jeden Tag zur selben zeit aufstehen, mein Kind begeistern, Yoga machen, Kaffee trinken, Business machen, ins Studio gehen, einen Spaziergang oder Auslauf in den Wald oder ans Meer machen, Kaffee trinken, wieder ins Studio gehen, mein Kind abholen von der Institution, etwas Spannendes mit ihm erleben, kochen, mit meiner Familie essen, noch etwas arbeiten, einen Film kieken und genug schlafen.
Auweia, das meine ich ganz ehrlich.
In welchem Kontext siehst du Performances als AGF? In einen Club gehören die nicht hin. Eher Kunstfestivals. Aber wird diese Musik nicht dadurch zu sehr intellektualisiert? Oder ist das notwendig sogar?
Nee, ich mag am liebsten Auditorien. Viele Kunstfestivals sind gar nicht so intellektuell, da gibts viel Raum. Allerdings ist meine Musik kein Spaß, also die Schwere, die sich manchmal ergibt, ist vielleicht vergleichbar mit mancher Schwere, die einige klassische Musik erzeugt. Ich würde mich freuen, wenn ich in der Zukunft in diesen Space vordringen dürfte. Die meisten Shows die ich spiele, sind 200-Sitze-Auditorien mit einem guten Klang. Oft spiele ich audiovisuelle Shows, wo die Kalligraphie begleitet.
Meine nächsten Performances werden im Internet sein, das wird sicher spannend.
Du schreibst, dass du Kalligraphie seit 10 Jahren betreibst. Was genau schreibst du und was schreibst du am liebsten?
Ich schreibe am liebsten sehr kurze, wenig zeilige Phrasen, fotografiere diese und bearbeite sie noch. Ausserdem experimentiere ich mit Tusche und Faltverfahren.
Danke und liebe Grüße aus -20 Grad Schneewald.
yours agf
Antye Greie aka AGF
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LINKS
In Progress
Greie & Gut, Gudrun Gut & AGF release Baustelle, June 2010
http://gudrungut.antyegreie.com/
Film music for upcoming feature length movie Content by Chris Petit (Radio On)
http://content.poemproducer.com/
Orlando, music theatre, collaboration with Craig Armstrong and Cathie Boyd
http://orlando.poemproducer.com/
Latest
Einzelkaempfer (Lone Warrior), new AGF solo album November 2009
http://www.einzelkaempfer.poemproducer.com/
http://pitchfork.com/reviews/albums/13785-einzelkampfer/
Reflections On The Wall, audiovisual installation about the fall of the Berlin wall
Release 9th of November 2009: http://mauer.poemproducer.com/
The Lappetites Opera: Fathers http://www.lappetites.com
Trailer (15mb): http://www.poemproducer.com/tosuck/lappetites/Trailer_sm.mp4
HKW Premier: http://www.flickr.com/photos/83383249@N00/4137213288/
Performances (incl. Video and Footage)
http://www.poemproducer.com/traveldiary.php
A Personal View